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Bern

Berner Totentanz

von Matthias D. Berger (2021)

Einst tanzte in der Berner Innenstadt der Tod.

Vor etwas mehr als 500 Jahren – zwischen 1516 und 1519 – forderte er erstmals, von der Friedhofmauer der dominikanischen Klosterkirche herab, zum Tanz auf. Ein monumentaler Totentanz prangte da, wohl über hundert Meter lang: ein Meisterwerk des Berner Künstlers, Söldners und Staatsmanns Niklaus Manuel (ca. 1484–1530). Auf 24 Bildfeldern zeigte die Wandmalerei eine Reihe lebensgrosser Vertreter verschiedener Gesellschaftsschichten, wie sie von gelenkigen Gerippen frech angetanzt wurden. Die dazugehörigen Paarreime berichteten von einem Tod, der «Herrschet ueber die Menschen ganntz / wir mueßent all an sinenn tanntz». Der Maler nahm sich selbst davon nicht aus, sondern stellte sich als letzten Tanzpartner des Todes dar. Der gemalte Maler war gerade dabei, die letzten Striche an einer Gruppe von todgeweihten «Heiden» anzubringen, als ihm der Tod von hinten ins Malutensil griff. Die Bildtafel brachte sowohl Manuels Sinn für Humor als auch sein gesundes Selbstbewusstsein als Künstler zum Ausdruck.

Albrecht Kauw nach Niklaus Manuel, Gouache-Malerei «Tod und Maler», 1649 (Foto: Sailko, Wikimedia Commons)

Dies ist ein Ex-Ort

Der Tod tanzte einst in der Berner Innenstadt, weil man im Jahr 1660 obrigkeitlich befand, dass die Kirchenmauer die angrenzende Zeughausgasse zu sehr verengte. Die Mauer wurde samt Totentanz kurzerhand eingerissen. Dieser städteplanerisch motivierte Kunstvandalismus betrübt nicht bloss die Nachwelt: Auch Zeitgenossen wie der deutsche Kunsthistoriker Joachim von Sandrart (1606–1688) bedauerten, dass man hier ein vielgepriesenes Werk als blosses Verkehrshindernis beseitigt hatte. Für diese Beitragsserie etwas unüblich, ist der Berner Totentanz heute also – frei nach Monty Python – ein Ex-Ort.

Südseite der Französischen Kirche (Foto: Maria Lissek)

Das Schicksal von Manuels Totentanz entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Mit ihm fiel das Werk eines reformatorischen Bilderstürmers einem – ungleich banaleren – Bildersturm zum Opfer: Manuel spielte selbst eine führende Rolle, als 1528 Bilder und kultischer Zierrat aus den städtischen Kirchen Berns entfernt wurden. Dass wir eine klare Vorstellung davon haben, wie sein Totentanzbild einst aussah, haben wir dem späteren Maler Albrecht Kauw (1616–1681) zu verdanken. Mit gutem Gespür für Timing fertigte er 1649 die Gouache-Kopie des Tanzes an, die wir heute kennen, und die im Berner Historischen Museum zu besichtigen ist. Von Manuel selbst ist einzig eine ausdrucksstarke Federzeichnung erhalten, welche die Szene mit dem Tod und dem Chorherrn zeigt. Sie wird im Hessischen Landesmuseum in Deutschland aufbewahrt.

Der Nachwelt mag 1660 ein grosses Kunstwerk und ein potenzieller Touristenort verloren gegangen sein – nicht aber ein Erinnerungsort. Solche «Orte» können gemäss dem französischen Historiker Pierre Nora, der den Begriff des lieu de mémoire einst prägte, im geografischen Sinn durchaus ortlos sein. Und tatsächlich ist der verlorene Berner Totentanz heute wohl Manuels bekanntestes und populärstes Werk. 2016 war der Bilderkreis etwa Zugpferd einer grossen Wechselausstellung des Historischen Museums über die Zeit der Reformation. Im Jahr zuvor inspirierte er Jared Muralt, Balts Nill und weitere Künstler und Wissenschaftler zu einer eindrücklichen Neuschöpfung: einem modernen Berner Totentanz, dessen Kernstück das humorvoll-ernste Leporello-Kunstwerk «Totentanz?» bildet und der seit 2016 mehrfach, auch ausserhalb von Bern, ausgestellt worden ist.

Totentanz und memento mori

Der Totentanz als Motiv der bildenden Kunst entstand im frühen fünfzehnten Jahrhundert – literarische Formen kamen noch etwas früher, die Musik deutlich später. Das früheste uns bekannte Beispiel, das Bild und Text kombinierte, ist die danse macabre an der Friedhofsmauer des Pariser Cimetière des Innocents von 1424. Auch diese Wandmalerei hat nicht Bestand gehabt, ist uns aber in Guyot Marchants Holzschnitten von 1485 erhalten geblieben. Um 1440 entstand in Basel ein ungefähr 60 m langer Zyklus, der als der älteste im deutschsprachigen Raum gilt. Von ihm bleiben nur wenige, mehrfach restaurierte Bruchstücke und eine kurz nach der Zerstörung des Originals entstandene Aquarellkopie von Johann Rudolf Feyerabend (1779–1814). Beide befinden sich (im Fall der Bruchstücke zumindest grösstenteils) im Besitz des Historischen Museums Basel.

Grundsätzlich ist das Totentanzmotiv eine Form des memento mori: eine Mahnung an die Betrachterin, stets die Vergänglichkeit des irdischen Daseins vor Augen zu haben. Das Aufkommen der Totentanzdarstellungen wird meist mentalitätsgeschichtlich vor dem Hintergrund der Pestepidemien erklärt, die ab der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts Europa heimsuchten und innert kürzester Zeit ganze Landstriche entvölkerten. Mit dem grossen Sterben veränderte sich das menschliche Verhältnis zum Tod grundlegend. Allen Menschen stand ein Tanz mit dem Tod bevor – und der Tod konnte diesen offensichtlich jederzeit und ohne Rücksicht auf Rang und Verdienst einfordern. Brigitte Schulte beschreibt den thematisch mehrschichtigen Totentanz treffend als «künstlerische […] Bewältigung der menschlichen Endlichkeitserfahrung», Ausdruck der «Sehnsucht […] nach einem sinnerfüllten Leben» und «monumentale Bußpredigt».

Manuel in Walliser Totentanz

Das Totentanzmotiv erfreut sich gegenwärtig wieder grosser Beliebtheit. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass es sich um eines der bekanntesten und beliebtesten Kulturerzeugnisse des Spätmittelalters handelt. Wie bei jedem Kulturerzeugnis jedoch, das lange nach seinem Entstehen Anklang findet, sehen wir heute unweigerlich anderes in ihm als seine ursprünglichen Betrachter.

Muralt und Nills «Totentanz?» etwa fragt ausdrücklich nach unserem heutigen Umgang mit dem Sterben – und wie sich das zu den mittelalterlichen Vorstellungen verhält. Indirekter, aber nicht weniger eindringlich werden die Unterschiede zwischen diesen zeitlich fernen Vorstellungswelten in einer literarischen Rezeption von Manuels Totentanz beschworen. In Werner Rysers Geschichtsroman Walliser Totentanz aus dem Jahr 2009 kommt der Berner Totentanz zwar nur am Rande vor – wir erfahren von ihm bloss durch die Gedanken des fiktionalisierten Niklaus Manuel. Doch kommt ihm, wie bereits der Buchtitel andeutet, grosse thematische Relevanz zu, wenn auch in mancherlei Hinsicht eine bitter ironische.

Die Handlung spielt im späten fünfzehnten und frühen sechzehnten Jahrhundert. Die Hauptfigur, Magdalena Capelani , lebt am Rande der Gesellschaft in Münster im Wallis. Hier herrscht, wie die Buchrückseite unmissverständlich ankündigt, «tiefes Mittelalter». Hunger und Seuche vermengen sich ungut mit einem Glauben, der nur wenig Anlass zur Glaubensverfolgung braucht. Durch Magdalena, eine eigenständige Kräuterfrau, erfährt die Leserschaft gleich von mehreren Totentänzen: Vom Volksglauben an einen geisterhaften «Gratzug» zum Beispiel, sowie von einem lokalen Begräbnisritual, bei dem tatsächlich auf dem Grab eines Verstorbenen getanzt wird. Vor allem aber erfährt sie von der Gewalt, deren Opfer Frauen und Randständige wie Magdalena routinemässig werden: Der titelgebende «Walliser Totentanz» ist der tägliche Überlebenskampf, der im Buch durchaus dem Spruch homo homini lupus folgt – «der Mensch ist dem Menschen ein Wolf».

In Walliser Totentanz sitzt eine moderne Frau in einer fast schon stereotyp mittelalterlichen Welt fest, welche die tröstliche Seite des Totentanzmotiv wieder und wieder Lügen straft. Magdalena zerbricht zuletzt an einer Gesellschaft, die ihr auf grausame Weise ihr Zuhause und ihre Familie genommen hat. Nicht einmal die Aussicht auf jenseitige Erlösung gesteht man ihr zu: Im Buch wird die Seelenrettung primär als Geldgeschäft betrieben. Die egalitäre Symbolik des Totentanzes Manuels – dem sie in Bern kurz begegnet – wird damit zum Hohn für Leute wie sie. Der Tod mag tatsächlich alle holen, arm wie reich. Doch solange auch das Leben nach dem Tod eine Frage der finanziellen Mittel ist, kann er kaum der Gleichmacher und Mahner für alle sein, als den ihn der Totentanz beschwört.

Totentanz im Zeitalter des Individualismus

Man mag sich bei der Lektüre vom Walliser Totentanz damit im Jahr 2021 leise an die Diskurse rund um die gegenwärtige Pandemie erinnert fühlen. Besonders in den frühen Monaten hörte man oft die Behauptung, wir sässen nun alle im selben Boot. Wie man seither gesehen hat, steht diese Behauptung im Widerspruch zu der Tatsache, dass unterschiedliche Lebensverhältnisse durchaus unterschiedlich seetüchtigen Booten entsprechen.

Der Berner Totentanz fasziniert noch heute. Allerdings: mit dem Aufruf zu Busse und moralischer Umkehr von damals hat die heute wohl gängigste Lesart nicht mehr viel zu tun, ebenso wenig mit der ursprünglich für seine Bedeutung zentralen Gemeinschaftserfahrung. Weiterhin starken Widerhall findet aber wohl die darin ausgedrückte «Sehnsucht […] nach einem sinnerfüllten Leben» – nun neu gefasst unter dem Imperativ carpe diem.

Dr. des. Matthias D. Berger ist postdoktoraler wissenschaftlicher Mitarbeiter am Englischen Institut der Universität Bern

Zur Vertiefung:

    • Egger Franz, «Mittelalterliche Totentanzbilder.» Todesreigen – Totentanz: Die Innerschweiz im Bannkreis barocker Todesvorstellungen. Hrsg. Josef Brulisauer, Claudia Hermann und Historisches Museum Luzern. Luzern: Raeber Verlag, 1996. 9–33.
    • Hofer Paul und Luc Mojon, Die Kunstdenkmäler des Kantons Bern. Band V: Die Kirchen der Stadt Bern. Antonierkirche, Französische Kirche, Heiliggeistkirche und Nydeggkirche. Basel: Birkhäuser Verlag, 1969. 70–83.
    • Hugger Paul, «Tod.» Historisches Lexikon der Schweiz. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/027291/2015-02-10/. Zugriff 7.1.2021.
    • Schulte Brigitte, Die deutschsprachigen spätmittelalterlichen Totentänze. Unter besonderer Berücksichtigung der Inkunabel «Des dodes dantz». Lübeck 1489. Köln: Böhlau, 1990.

Lageplan: Französische Kirche Bern


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