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Bern, Bethlehem – reformierte Kirche

Begegnungen in Bethlehem

von Andreas Köhler-Andereggen (2020)

Bethlehem liegt in Bern. Weshalb der Ortsteil im Westen der Stadt so heisst, ist nicht mehr eindeutig zu klären, urkundlich belegt ist er seit Beginn des 16. Jahrhunderts. Das Gebiet gehörte zur Ortschaft Bümpliz, die aufgrund finanzieller Probleme 1918 in die Stadt Bern eingemeindet wurde. Bethlehem war bis in die 1930er Jahre eine landwirtschaftlich genutzte Fläche mit wenigen Häusern. In Folge der Bevölkerungszunahme ab den 1940er Jahren und der sich daraus ergebenen Wohnungsknappheit wuchs das Quartier. Es entstanden die ersten Hochhaussiedlungen der Schweiz, die international Aufmerksamkeit erlangten wie das Tscharnergut, einer schon in den 1950er Jahren verkehrsfreien Grossüberbauung mit einer Mischung aus verschiedenen Wohnhaustypen, die von Grünflächen umgeben sind. Das «Tscharni» folgt der architektonischen Idee einer Trabantenstadt, einer Stadt im peripheren Bereich einer Stadtregion, die neben der Wohnfunktion auch einen eigenen Erwerbs- und Versorgungsbereich ausweist.
Im Überbauungsplan für das Quartier Bethlehem war von Anfang an eine Fläche für eine Kirche freigehalten. Zu dieser Zeit war das Parochialparadigma von Kirche, zu jedem Quartier habe eine Kirche zu gehören, selbstverständlich für die Stadt- und Quartierentwicklung. Bei einem Wettbewerb gewann das Projekt vom Architekten Werner Küenzi (1921–1997), der zuvor in unmittelbarer Nachbarschaft mit dem «Neuhaus» eine für Bern neuartige, gemischte Siedlungsform realisierte. Gebaut wurde die Kirche in den Jahren 1958–60, eingeweiht am 11. September 1960.
Die Kirche Bethlehem ist als Ensemble konzipiert. An die Kirche schliesst das Kirchgemeindehaus an. Dem Kirchgemeindehaus vorgelagert ist die ehemalige Sigristenwohnung, in dem sich heute das sozialdiakonische Projekt «Café mondiaL» befindet. Westseitig gehört zum Ensemble das Pfarrhaus. Der Glockenturm steht der Kirche gegenüber. Augenfällig ist aber vor allem, dass nicht die Kirche im Mittelpunkt des Ensembles steht, sondern ein grosser freier Platz.

Kirchenplatz Bethlehem (Foto: Daniel Fischer)

Kirchenarchitektur als in Stein gebaute Theologie

Kirchenarchitektur ist in Stein gebaute Theologie. Für die Denkmalpflege der Stadt Bern ist Bethlehem ein Markstein des protestantischen Kirchenbaus der Nachkriegszeit in der Schweiz. Kirche, so das leitende Paradigma seit den 1950er Jahren, habe nicht schwerpunktmässig am Sonntag im Gottesdienst stattzufinden, sondern die Woche durch. Das hatte Folgen für den Kirchenbau. In Deutschland wurden in der Zeit zwischen 1950–1980 über 5´500 Kirchgemeindehäuser gebaut, im Schnitt wurde damit alle 1.9 Tage eines eröffnet. Auch in der Schweiz entstanden in dieser Zeit viele Kirchgemeindezentren, die dabei dem Parochialparadigma folgten, dass jede Kirchgemeinde alle kirchlichen und darüber hinaus möglichen Angebote abzudecken habe und hierfür Raum benötige.
In Bethlehem gibt es Platz. Mit dem freien Platz in der Mitte steht für Bethlehem der Begegnungsgedanke im Mittelpunkt. Es ist eine Kirche mitten im Quartier fürs Quartier. Dieser Platz wird von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion genutzt. Der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Bethlehem liegt bei über 40% und damit deutlicher höher als der Gesamtdurchschnitt in der Stadt Bern (25%). Die Kirchgemeinde reagierte darauf, indem sie diakonische Schwerpunkte setzte und dafür Strukturen mit Stellenprozenten schuf sowie Räumlichkeiten umbaute. Sie hat heute ein sozialdiakonisches Profil und ist für alle Menschen im Quartier da, unabhängig von Herkunft und Religion.
Die Kirchgemeinde Bethlehem bietet Hilfe zur Selbsthilfe und ist partizipativ ausgerichtet. Mit dem «Café mondiaL» erhalten Menschen die Möglichkeit, in den Arbeitsmarkt (wieder) hineinzukommen. Interkulturelle Müttertreffen, Alltagsorientierung, Deutsch- und Arabischkurse etc. finden im Kirchgemeindezentrum neben den reformierten Kirchgemeindeveranstaltungen statt. Für Aussenstehende mag es irritierend klingen, aber in Bethlehem ist es nicht unüblich, wenn beispielsweise Muslima von «ihrer» Kirche reden.

Innenraum der Kirche Bethlehem (Foto: Daniel Fischer)

Wenn der Kirchenraum Geschichten erzählt

Der Innenraum der Kirche folgt zunächst einem klassisch reformierten Programm. Die liturgische Hauptachse geht über den Abendmahlstisch zur Predigtkanzel. Die Wand vorne ist in schlichtem Weiss gehalten und bildfrei. Zwei Bronzeplastiken von Marcel Perincioli (1911–2005) symbolisieren auf der linken Seite «Verkündigung» und auf der rechten Seite «Hören». Halbkreisförmig sind die Sitzbänke aufgestellt, die arenaförmige Anordnung betont die Gemeinschaft der hier Versammelten.
Doch der Kirchenraum füllte sich mit der Zeit und erzählt Geschichten von prägenden Begegnungen. Der ehemalige Gemeindepfarrer Markus Wyss (*1937) brachte aus seiner Zeit in Kamerun geschnitzte Bildtafeln mit, die er dort beim muslimischen Künstler Nji Osmanu Njoya in Auftrag gegeben hatte. Dieser stellte afrikanische Alltagssituationen dar sowie drei biblische Geschichten. Eindrücklich ist seine Darstellung des barmherzigen Samariters. Dann befindet sich, überraschend für eine reformierte Kirche, ein Kreuz mit Corpus im Raum. Es ist das Geschenk der römisch-katholischen Kirchgemeinde St. Mauritius für die erfahrene Gastfreundschaft. Die Kirchgemeinde hatte, als ihre Kirche zwischen 1987–1989 neu gebaut wurde, Gastrecht in der reformierten Kirche erhalten und feierte dort ihre Messe. Bis heute besteht eine vielfältige ökumenische Zusammenarbeit vor Ort. Zudem gibt es ein mobiles Tabernakel in der Kirche, das ein Kunstschreiner aus Zagreb für diese Kirche schuf. Denn seit 2018 ist die kroatische Mission zu Gast in der Kirche und feiert hier ihre Messe. Dass bei der Einsegnung des Tabernakels der reformierte Pfarrer mitzuwirken hatte, war für die kroatische Kirchgemeinde selbstverständlich. Neben der kroatischen Mission ist schliesslich eine evangelische äthiopische Kirchgemeinde zu Gast in Kirche und Kirchgemeindehaus.

Die Zukunft der Kirche Bethlehem ist aktuell in Frage gestellt. Es gibt konkrete Pläne im Stadtverband, aus finanziellen Gründen die Kirche zu entwidmen und zu veräussern. Theologische Überlegungen spielen dabei keine Rolle. Dabei besteht die theologische Bedeutsamkeit der Kirche Bethlehem gerade in ihrem Pragmatismus, im Quartier mit Menschen unterschiedlicher Konfessionen, Religionen und kulturellen Hintergründen unterwegs zu sein und gemeinsame Geschichten zu ermöglichen. Bethlehem steht für Lösungsfindung und stellt sich damit in die biblische Bethlehem-Tradition, dennoch einen Platz zu geben, selbst wenn es nicht möglich scheint. Die Kirche Bethlehem bietet einen Ort, an dem Netzwerkarbeit stattfindet und eine Caring Community im Wachsen ist. Sie ist zu einem kirchlichen Ort geworden, der Platz gibt und Raum schafft.

Andreas Köhler-Andereggen leitet an der Theologischen Fakultät der Universität Bern die KOPTA, die Koordinationsstelle für praktikumbezogene theologische Ausbildung, eine fakultäre Einheit, die unter anderem für das Praktische Semester und das Lernvikariat verantwortlich ist. Er selbst war von 2016–2017 Kirchgemeinderat in Bethlehem und ist bis heute als Freiwilliger an diesem kirchlichen Ort aktiv.

Zur Vertiefung:

    • d’Alessandro, Maria: Werner Küenzi (1921–1997), in: Berner Heimatschutz. Region Bern-Mittelland: Heimat heute 2013, Bern 2013, 4–8.
    • Schramm, S./Hoffmann, L.: Gemeinde geht weiter. Theorie- und Praxisimpulse für kirchliche Leitungskräfte, Stuttgart 2017, bes. 25–31.
    • Schröter, Anne-Catherine u.a.: Siedlungen der Nachkriegszeit. Kanton Bern, Bern 2018.

Lageplan: Reformierte Kirche Bern Bethlehem


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Institut für Historische Theologie