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Bern

Stationenweg zur Täufergeschichte

von Dorothea Loosli-Amstutz (2020)

Taucht ein in das Leben von Jacob Baltzli, in jene Zeit der Verfolgung, des Lebenskampfes und der Hoffnung auf eine bessere Zeit. Die Geschichte der TäuferInnen begann mit der Reformation. Sie vertraten derart revolutionäre Gedanken bezüglich Religionsfreiheit, dass sie heute gerne als linker Flügel der Reformation bezeichnet werden. Da die damalige feudale und ständische Obrigkeit dies nicht dulden wollte und konnte, nahm die Geschichte ihren entsprechend dunklen Lauf. Auf dem Stationenweg wird die Geschichte des Täufers Jacob Baltzli in Form eines unterhaltsamen und doch ernsthaften Spiels fortlaufend erzählt und emotional spür- und erlebbar gemacht.


Münster/Altstadt, Bild: Beat Loosli
Eintauchen in die Geschichte der Täufer in Bern

Christus als Herr über alles Leben – die reformatorische Interpretation der Täufer…

Nach täuferischem Verständnis ging die Reformation mit der Abschaffung der Messe, dem Ablass und dem Bekenntnis „allein durch den Glauben, allein durch Gnade, allein durch Schrift“ zu wenig weit. Für die TäuferInnen war der Aufbau der damaligen Gesellschaft und die Art, wie sie kontrolliert wurde grundsätzlich falsch. Sie wollten, dass die Gewalten getrennt, die Waffen niedergelegt und die persönliche Glaubens- und Gewissensfreiheit respektiert werde. Diese radikalen Vorstellungen und Forderungen, die über Religion und ihre Symbole hinausgingen, setzten die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen und ihre Praxis arg unter Druck. Um das Jahr 1527 formulierte eine Täufergruppe in Schleitheim (SH) sieben Artikel, die als erstes Glaubensbekenntnis der Täufer verstanden werden können. Darin wird die Taufe als Akt der selbstverantwortlichen Entscheidung verstanden, was gezwungenermassen die Erwachsenentaufe nach sich zieht. Sich am gewaltfreien Leben Christi orientierend, war es den Mitgliedern der Täufergemeinden untersagt, das Schwert zu führen und Kriegsdienst zu leisten. Auch durften sie nicht die Hand zum Schwur erheben, da Jesus seinen Jüngern in Matthäus 5,34 den Eid ausdrücklich verboten habe. Schwören könne nur Gott allein, da er keinen Begrenzungen unterliege und einzig seine Absichten vollkommen ausführen könne. Die obrigkeitliche Autorität wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sie wird als von Gott eingesetzte Ordnung anerkannt. Aber wie der Apostel Paulus in Römer 13,3 sagt, soll sich die Obrigkeit mit den Werken, also mit dem, was der Mensch tut, nicht aber mit dem, was ein Mensch denkt, beschäftigen. Einer der damals führenden Vertreter der Täuferbewegung und Namensgeber der Mennoniten , Menno Simons (1496 – 1561), lehrte, dass Christus der Herr über alles Leben sei und die Regierenden dazu berufen seien, die Bösen zu züchtigen und Gerechtigkeit walten zu lassen. Gleichzeitig ermahnte er die Herrschenden wiederholt, das Wort Gottes frei verkündigen zu lassen und die Ohnmächtigen und Unterdrückten gerecht zu behandeln.


Ländte, Bild: Beat Loosli
Im März 1710 wurden auf obrigkeitlichen Befehl über 50 Berner Täuferinnen und Täufern, die nicht geflüchtet waren, auf Schiffe verfrachtet und rheinabwärts deportiert

...und ihre Auswirkungen

Die Reformatoren waren keine Vorkämpfer der Religionsfreiheit, wie wir sie heute verstehen. Religionsfreiheit bedeutet einerseits, dass auf gleichem Territorium unterschiedliche Religionsgemeinschaften existieren und diese ihren Kult ausüben dürfen. Sie hat aber noch weitergehende Folgen und gewährt den Menschen, dass sie auch im alltäglichen Leben so handeln dürfen, wie es im Rahmen der öffentlichen Ordnung ihrem Glauben entspricht. Wie der amerikanische Ethiker und Theologe Glen Harold Strasser in seinem Aufsatz „Demokratie (im mennonitischen Kontext)“ schreibt, ist die Haltung der Täufer auch bei der Entwicklung der Menschenrechte und der Demokratie nicht zu unterschätzen: „..fest steht, dass die erste umfassende Abhandlung über Menschenrechte von dem Mennoniten und Baptisten Richard Overton [1647 in England] geschrieben wurde – mit biblisch belegten Erörterungen, mit Argumenten aus der historischen Erfahrung mit Folter und Religionskriegen und mit Vorstellungen, die im Mittelalter entwickelt worden waren.“ Overton hat die Menschenrechte von der biblischen Ethik her abgeleitet und in eine Sprache übersetzt, die auch die pluralistische Gesellschaft versteht. Bis heute messen sich die Anstrengungen der Täufer – sei es für den Zivildienst, gewaltfreie Konfliktlösung oder der Einsatz für benachteiligte Minderheiten – am biblisch aufgezeigten jesuanischen Einsatz für die Armen und diejenigen, die keine Stimme in der Gesellschaft haben, damit ihnen Gerechtigkeit wiederfahre.

Stationenweg als Mahnmal und Anstoss

Der Stationenweg ist ein Gemeinschaftsprojekt der Mennoniten-Gemeinde Bern und der Kirchgemeinde Münster. Der Stationenweg beginnt im Münster und verläuft durch das Zentrum der Altstadt in Bern. Die Spurensuche dauert eine gute Stunde. Die Teilnehmenden erhalten die Möglichkeit, mit allen Sinnen in die Geschichte der Täufer einzutauchen. Er erinnert an das Geschehene, geht aber weiter und macht auch die Versöhnung mit denen, die an den Mennoniten schuldig geworden sind, sichtbar. Insgesamt soll der Weg als Mahnmal und Anstoss dienen, dass Glaube als frei und unantastbar respektiert werden muss.

Dorothea Loosli-Amstutz, lic.sc.theol. ist Älteste der Mennoniten Gemeinde (Alttäufer) Bern und führt die Einzelfirma «kreative Entwicklungsberatung».

Zur Vertiefung:

Lageplan: Berner Münster


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Institut für Historische Theologie